Gerti Senger
Praktische Lebenshilfe war der "Krone" schon ein Anliegen, als Ratgeberjournalismus noch kein Schlagwort, Internetforen Utopie, Lebenshilfe - Sendungen unbekannt und Choaching noch kein boomender Wirtschaftszweig waren. Seit 1990 widmet sich die Psychologin Gerti Senger in ihrer "Lust & Liebe" Kolumne den Seelennöten der "Krone" Leser. Rund 7000 Briefe speiegeln die orientierungskriese des modernen Menschen wider. Die bewegensten und interessantesten 1000 Fragen und Antworten zu Partnerschaft, Einsamkeit, Sehnsucht, Liebeskummer und sex sammelte Dr. Gerti senger in einem neuen Buch "Sorge sich nicht - liebe!"
"Krone": "Mangelt es dem modernen Menschen an Instinkt, um seine Probleme selber lösen zu können?"
Gerti Senger: "Mit dem Instinkt kann der Homo sapiens Probleme leider nicht lösen. Er muss ein problem überhaupt erst inahltlich definieren. Zum Beispiel "Leide ich unter Einsamkeit - oder daraunter, dass ich als unabhängige Sengle-Frau von der Gesellschaft diskriminiert werde?" Oder: "Macht mit der Druck zu schaffen, dass Familie und Freunde auf Nachwuchs warten - oder kann ich mir nicht eingestehen, dass ich Verantwortung für ein kind gar nicht übernehmen will?" "Habe ich Potenzschwierigkeiten, weil ich überarbeitet bin - oder flüchte ich in die Arbeit, weil ich Probleme habe?" Nach dieser Problemdefinition muss der Betroffene Wissen über die Lösung seines Konfliktes sammeln und sich dann überlegen, wie er dieses Ziel erreicht."
"Das klingt sehr kompliziert und verunsichernd ..."
"Das ist es auch. Die wachsende Ratgeberflut spiegelt ja das Ausmaß eines kollektiven Sicherheitsverlustes in Fragen der Liebe, der Sexualität, des Alltags und der Familie wider. Es gibt mehr Fettnäpfchen als früher, mehr Perfektionsansprüche und mehr Zerrissenheit. Zum Beispiel einerseits die permanente Aufforderung zur Selbstverwirklichung und andererseits die Erwartung, sich in einer Partnerschaft auch aufgeben zu können."
"Waren die Menschen in der Vergangenheit nicht so verunsichert? War das leben früher einfacher?"
"Ja, vieles war klarer und dadurch einfacher. Heute gelten Traditionen und gesellschaftliche Regeln nicht mehr. Die hatten zwar die eingengende Funktion eines Korsetts, aber sie waren gleichzeitig auch Haltgebend. heute muss jeder für sich entscheiden, wie er eine Problemsituation lösen will. Einem Paar wird nicht mehr vorgeschrieben, wie es zu leben hat. Es muss selbter aushandeln, was gelten soll. Das macht die Menschen zwar freier, schafft aber mehr Konflikte, Unsicherheit und Entscheidungsschwäche.
Dann schreiben man eben einen Brief/E-mail und hofft, dass die Antwort eines erfahrenen , informierten Außenstehenden hilft, das eigentliche Problem zu erkennen, und die Ratschläge dazu beitragen, dass es beseitigt oder erträglicher wird."
"In der Vergangenheit hat es vielleicht weniher komplexe Fragen gegeben, aber an wen haben sich die Menschen mit den einfachen Fragen gewendet?"
"Für Liebesfragen, Familienkonflikte oder sinnfragen hat es zu allen zeiten und in allen Kulturen professionelle ratgeber gegeben. Astrologen, Wahrsager, Erzieher, Priester und medizinmänner sind die Vorläufer der heutigen Psychotherapeuten, Ratgeber und Coaches."
"Coaching ist ein neues Schlüsselwort. Klappt im dritten Jahrtausend die Selbststeuerung des Menschen gar nichts mehr?"
"Im Gegenteil, man hat sogar den Anspruch auf eine perfekte Selbststeuerung! Menschen, die sich Coachen lassen, sind ja nicht neurotisch oder psychotisch. Es sind nur die individuellen Wünsche nach Glück und Selbstentfaltung größer geworden. Man will sich optimieren, das Maximum aus sich rausholen, das Leben durchschauen und das Beste daraus machen. Heute hat schon jede zweite Führungskraft in Deutschland einen Coach an ihrer Seite. Großunternehmen fördern diese Lebens- und Persönlichkeitsoptimierung, weil man weiß, dass ein Mensch, der mit seinen Ansprüchen und Möglichkeiten in Balance ist, einsatzfreudiger und leistungsfähiger ist."
"Lassen sich diese Ansprüche auch aus den Leserbriefen herauslesen?"
"Eindeutig. In der Anfangszeit waren die Fragen weniger komplex. Männer wollten mehr über sexuelle Techniken wissen, Frauen über Umgangsmöglichkeiten mit den neuen Freiheiten. Eine Ratgeberkolumne ist ein perfektes Gesellschafts-Barometer: Was ist erlaubt? Was darf öffentlich sein, was nicht? Was beschäftigt Männer, was die Frauen? Das zu erfahren ist nicht nur unterhaltsam, es macht auch eine unübersichtlich gewordene Welt übersichtlicher."
"Das große Interesse an fremden Problemen ist also nicht nur oberflächliche Neugier?"
"Sicher nicht. Die Antworten und Informationen gelten ja nicht nur für den Einzelnen, sondern für unzählige Leser. Das gewonnen psychologische Wissen ist eine gute Vorsorge für das Geleingen der eigenen Partnerschaft. Viele Schicksale eröffnen einem Leser eine neue Welt, die ihm eine Stellungsnahme abverlangt, das bedeutet seelisches Wachstum. Die Antworten ermöglichen einen Perspektivwechsel und ein besseres Selbstverständnis - zum Beispiel, jetzt habe ich zwar versagt, aber ich habe auch jahrelang viel geschafft. Diese Erkenntnis ist tröstlich. Oder ein Konflikt betrifft den Leser ebenfalls, und er kann durch das Vergleichen mit dem Problem des Fragenden fehelnde Kontakte zu Menschen in einer ähnlichen Lebenssituation ersetzen. So gesehen, ist meine Kolumne die effizienteste, bequemste und gröte Selbsthilfegruppe der österr. Nation."
Ein Bericht aus Krone bunt vom 18.10.2009