Schweigen

Schweigen

Als ich die Empfehlung eines Journalisten an Eltern von unter gräßlichen Bedingungen verstorbener Kinder las:

reden, reden, reden Sie darüber...

dachte ich mir, dass der gute Mann inhaltlich nicht weiß, zu was er auffordert.

Dieses Erlebnis schlug und schlägt immer noch Wellen.

So nahm ich besagtes Erlebnis z.B. als Anlass zum Anlegen dieser Seite.

Meine eigenen Kinder sind 1976, 1979 und 1987 gestorben, dass ist mittlerweile also schon eine ganze Weile her. Meine überlebenden Kinder wurden 1980 und 1983 geboren.

Insbesondere nach dem Tod meines 3. Kindes - weiß ich von mir selbst und von ganz vielen anderen Angehörigen verstorbener Kinder, das es überhaupt nicht leicht ist, über den Tod des eigenen Kindes zu sprechen, über die Umstände, wie das eigene Kind zu Tode kam - oder über die vielen tausend schrecklichen Nadelstiche, welche man erhalten hat nach dem Tod des eigenen Kindes.

Als ich oben erwähnten Zeitungsartikel las, fühlte ich mich an die erste Zeit nach dem Tod meines dritten Kindes zurückerinnert: Christopher Marvin starb im Alter von zwei Monaten und einem Tag am Muttertag 87 durch seinen eigenen Vater. Nicht aus versehen, nein - sondern einen gezielt bewußt herbeigeführt gewaltsamen Tod.

Und ich war in der Todesstunde meines Sohnes rund 700 km entfernt. Nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil ich mich dort zum Begräbnis meines Großvaters und der Räumung seiner Wohnung befand. Damals habe ich binnen von 7 Wochen 4 Todesfälle innerhalb der Familie erlebt - beginnend mit dem Tod meines Großvaters.

Und alle Todesfälle haben irgendwie einen Zusammenhang: Mein Großvater starb altersbedingt; weil ich nicht zu Hause bei meinen Kindern war, übernahm der Kindesvater die Betreuung. Er hatte zahlreiche Hilfsangebote, die er in seine gekränkten Männlichkeit nicht annehmen konnte oder wollte. Wenige Wochen später fuhr mein Vater zu seiner älteren Schwester in der damals noch bestehenden DDR, um ihr und ihrem Gatten die Todesnachrichten persönlich zu überbringen. Nach Vaters Ankunft ist binnen 25 Min. der Tod seine Schwester festgestellt worden mit der Diagnose Herzinfarkt oder Brocken Heart, was ähnliche Symptome aufweißt. Das die Überbringung der Todesnachricht und der Tod meiner Tante in Verbindung stehen, läßt sich zeitlich nicht von der Hand weisen. In der Nacht darauf hat mein Onkel den Gashahn der heimatlichen Küche aufgedreht - während mein Vater in der gleichen Ortschaft bei seinem Bruder und dessen Familie genächtigt hat.

Rede über dein Erlebnis, das dir den Boden unter den Füssen weggezogen hat, ist von vielen Außenstehenden und von vielen Therapeuten ec so leichthin gesagt. Ich selbst konnte nicht darüber reden. Mir war meine Kehle zugeschnürt. Ich mußte gezielt bewußt atmen, um nicht zu ersticken in jenen ersten Tagen, Wochen, Monaten nach jenem Muttertag im Jahre 1987. Ich war bereit, selbst auch zu gehen, denn der Schmerz war in meiner Seele so unermesslich groß. Wenn ich meinen Blick auf meine zwei überlebenden Kinder richtete, erhielt ich die Kraft zum weitermachen und zur Neuorienterung - denn es ging nicht nur darum, das ich für mich selbst einen Weg finde, das ungeheuerliche zu überleben, sondern irgendwie mußte ich meinen damals 4 und 7 Jahre alten Söhnen dabei helfen, dass auch Sie das Unfassbare verarbeiten und überleben konnten.

Noch heute erinnere ich mich an die Vielzahl von Gesten der Liebe und der wunderbaren Gefühle des Mitgefühl, welches meinen Kindern und mir entgegengebracht wurde. Nachbarn brachten nicht nur einmal fertig gekochtes Essen und stellten es mir und den Kindern vor die Wohnung. Wiesenblumen am Grab und an unserer Wohnung legten mir Zeugnis dafür ab, das nicht nur ich und meine überlebenden Kinder unter dem Erlebten unfassbar litten. Andere Nachbarn nahmen meine Überlebenden Kinder zu ihren eigenen Familienausflügen mit, was mir ein paar Stunden für mich alleine brachte. Bis heute ist das Grab meines Sohnes eine viel besuchte Pilgerstätte - nicht nur von Familienmitgliedern.

Ich kenne aber auch die andere Seite: Eine Frau, die voller Liebe mein Kind wärend der Zeit betreute, als ich meinen Großvater zu Grabe trug, modelierte mit mehrfarbigen Kieselsteinen am Grab meines Kindes herum - ohne das Sie mir vorher etwas gesagt oder mich gefragt hatte - und natürlich kam das im ersten Moment als Grabschändung bei mir an. Verwelkte, ausgetrocknete Blumen waren in meinem Herzen sehr viel passender und Symbolhaft richtiger als die kleinen feinen mehrfarbigen Kieselsteine. Lange schon habe ich ihr verzeihen - zudem hatte Sie das volle Recht dazu, ähnlich intensiv zu trauern, denn ich hatte ihr meinen jüngsten Sohn lebend anvertraut.

Oder: als nach 10 Monaten der Erdhügel zusammenbracht, weil die Decke und die oberen Seitenwände vom Sarg nachgegeben hatten, da mußte ich mit Entsetzen wahrnehmen, das der Leichnam meines Kindes zur Hälfte auf dem Weg lag, das also unwissentlich wir alle - die diese Weg gegangen waren - auf meinen hier beerdigten Kind herumgetrammelt sind. Den Friedhofsgärtner konfrontierte ich mit meiner Wahrnehmung - und er besah sich alles, fand meine Angaben bestätigt vor, und umgehend wurde die Wegführung anders gestaltet. Er hat mir erklärt, wie es zu dem Fopa hat kommen können. Aus heutiger Sicht sage ich: Menschlich verständlich, aber damals war diese Botschaft nicht nur für mich die Hölle!

Darum:

Worüber sollten wir Überlebenden reden?

Noch dazu mit wildfremden Menschen, die nicht einmal annähernd in meinen Schuhen gegangen sind?

Schreiben ist Therapie: Eine Therapeutin gab mir damals den Hinweis, das ich alles mir von der Seele schreiben sollte, was mir so in den Sinn kam. Ich tat, wie empfohlen - und über das Schreiben fand ich meine Sprache wieder.

Für meine überlebenden Kinder erhielt ich den Rat: lass Sie so viel als möglich mit unterschiedlichen Materialien Malen und z.B. aus Plastilin formen, wie den Kindern ums Herz ist. Gehe mit Ihnen viel hinaus in Gottes schöne natur, fern von belebten Kinderspielplätzen, denn zum heilwerden muss man zu sich selbst und zurück in den Einklang mit der Natur finden. Auch das habe ich meinen damals 4 und 7 Jahre alten Kindern in reichem Ausmaß angeboten. Erstaunliches kam 10 Monate nach dem Tod ihres Brüderchens zu tage: beide Kinder malten unabhängig voneinander ein Bild, anhand dessen klar wurde, das sie in ihrer Seele darum wußten, das sie drei vorausgegange Geschwister hatten! Dabei waren die 2 Töchter vor der Geburt meiner 1980 und 1983 geborenen Söhne in mein Leben getreten und auch wieder gegangen.

Später haben wir noch Knotenlösende Trancetherapien an uns vollziehen lassen - auch das hat uns ein gutes Stück vorwärts gebracht in unserer Trauerarbeit, in unserem Heilwerdungsprozess.

An sich Selbst und seiner Heilwerdung zur arbeiten ist - vermute ich - ein Lebenslanger Prozess.

Danke, das ich Sie in aller Stille ein Stück Ihres Weges begleiten darf.

MFG

Gunnhild Fenia Tegenthoff

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